Auch ich habe vor mittlerweile fast zehn Jahren eine Wanderung unternommen, an die ich mich nur ungern zurück erinnere. Manchmal gibt es Dinge, die will man gerne vergessen. Einfach deshalb, weil irgendwie vieles schief gelaufen ist. Die Bilder sind zwar noch vorhanden, aber in Gedanken versucht man, solche Ereignisse zu verdrängen.
Gestern habe ich im Fernsehen einen Zweiteiler über eine geführte Alpenüberquerung auf dem Europäischen Fernwanderweg E5 von Oberstdorf nach Meran und später weiter bis Trient gesehen. Dieser Bericht hat mich dazu animiert, euch doch noch von dieser sehr schweren Wanderung zu erzählen.
Los ging es damit, daß seinerzeit der Arbeitskollege "Jacko" davon geschwärmt hat, zu Fuß die Alpen zu überqueren. Der E5 tangiert ja das Allgäu und den westlichen Teil Tirols und so wäre es für uns beide doch eine Leichtigkeit in wenigen Tagen zu Fuß ins sonnige Südtirol zu wandern. Ich wußte zwar um ein gesundheitliches Problem von Jacko. Andererseits stilisierte er sich damals als Supersportler, der sogar mit dem Fahrrad - kein Ebike auf den Großglockner geradelt ist. So entstand das Vorhaben im Laufe einiger Wochen, diese Wanderung gemeinsam zu absolvieren.
Jacko erzähle von seinem Schwager, der ebenfalls topfit sein soll und folgedessen mit uns leicht mithalten könne. Damals war ich viel mit meiner Schulfreundin Renate unterwegs und dachte dabei, daß Renate uns möglicherweise begleiten würde. So war es dann auch. Damit stand das Vierer-Team fest.
Weil ich bis dahin nicht einmal Teilstrecken des Wanderwegs kannte, verließ ich mich auf Jacko, die Etappen einzuteilen und vorab alles zu organisieren. Dies auch deshalb, weil ich mich unmittelbar vor dem Start Mitte August 2013 für zwei Wochen in unserem Ferienhaus in Istrien aufhielt. Was das "Organisieren" anging geschah bis zum Start eigentlich gar nichts. Dies, weil Jacko meinte, daß wir einfach drauflos laufen und dann schon sehen werden wo wir ein Quartier für die Nacht finden. Diese Flexibilität würde aus vielen Gründen nur vorteilhaft für uns sein. Das vorhandene Kartenmaterial habe er gründlich studiert.
So ein Vorteil erschien uns bereits zu Beginn deshalb, weil es bis unmittelbar vor der Tour stark geregnet hat. Auch am ersten Tag unserer Tour sollte es ganztägig regnen. So kamen wir überein, doch nicht in Oberstdorf zu starten, sondern die Alpenüberquerung bereits im Lechtal im Ort Bach zu beginnen. Die Überquerung der Allgäuer Alpen mit Nächtigung in der Kemptener Hütte war damit hinfällig.
Da Jacko nördlich von Augsburg und sein Schwager Michi bei Dillingen an der Donau wohnhaft sind, wollten wir uns bei mir zuhause treffen. Renate reiste aus München mit dem Zug an. Tatsächlich kamen die beiden Herren eineinhalb Stunden zu spät und so ging es erst um 09.00 Uhr mit meinem Pkw nach Bach ins Lechtal. Dort parkten wir den Pkw den meine Frau in den nächsten Tagen abholen wollte. Start war somit erst um 11.00 Uhr. Aus heutiger Sicht viel zu spät um 21 km bis nach Zams zu überwinden und dabei von 900 Höhenmeter auf 2600 Meter aufzusteigen und danach erneut auf 770 Meter hinabzuwandern.
Wir folgten im Tal des Alperschönbachs immer bergauf.
Natürlich blieben wir stehen wenn es Interessantes am Weg zu sehen gab.
Anfangs war der Weg gut zu begehen, auch wenn gelegentlich ein Erdrutsch anscheinend zeitweise den Fahrweg unterbrochen hat.
Erwähnen sollte ich, daß die meisten Wanderer, die auf dem E5 die Alpen überqueren, diesen Teilabschnitt nicht zu Fuß überwinden. Die Familie F. die das faktische Monopol der Personenbeföderung im Lechtal und den Seitentälern hat, bietet einen Shuttle Service mit Kleinbussen im Madautal an.
Wir nahmen den schon deshalb nicht an, weil zum einen die acht Kilometer ja ein einfacher, langsam ansteigender geschotterter Fahrweg sind und wir zum anderen ja möglichst alles zu Fuß laufen wollten. Was soll eine Alpenüberquerung, wenn man sich Kleinbussen oder gar einer Seilbahn bedient? Schließlich verstanden wir uns als "echte Bergwanderer".
Langsam gewannen wir an Höhe. Zweimal überholte uns der Kleinbus mit von uns gering geschätzten Wanderern.
Um 13.30 Uhr kamen wir an der Talstation der Materialseilbahn für die Memminger Hütte an. Hier endet der Fahrweg und die Wanderer können zur Erleichterung ihr Gepäck mit der Seilbahn hinauf zur Hütte transportieren lassen. Für uns ist das keine Option. "Wir schaffen das!" war schon damals unser Motto. Die meisten Alpenüberquerer jedoch nehmen das Angebot scheinbar dankend an.
Nun geht es auf einem Steg über den Bach und im weiteren Verlauf ziemlich steil nach oben. Bis dahin hatte eigentlich keiner von uns vier Probleme, weder mit der Beschaffenheit des Weges noch mit der eigenen Kondition.
Wir nähern uns der Baumgrenze.
Der Weg ist nun erheblich schwieriger und ich bemerke wie Jacko und Micha langsamer werden. Allerdings spreche ich bewußt nicht mit den beiden darüber. Jacko wird den Zeitansatz für unseren heutigen Tag schon richtig berechnet haben.
Links vom Weg sieht man einen schmutzigbraunen Schneerest unter dem Schmelzwasser abfließt.
Die Landschaft ist beeindruckend. Irgendwo dort oben hinter dem Wasserfall sollte sich auf gut 2000 Meter Höhe die Memminger Hütte befinden.
Beim Blick zurück sehen wir im Hintergrund die Allgäuer Alpen und ganz unten unseren Startpunkt das Lechtal.
Die Bergspitzen sind wolkenverhanden. Kein Wunder, weil alle Berge hier in der Gegend eine Höhe von über 2500 Metern aufweisen.
Dann liegt die Memminger Hütte auf 2250 Metern Seehöhe vor uns. Es ist 15.30 Uhr und wir wollen uns hier eine warme Suppe und etwas zu trinken gönnen. Fast alle, die den E5 komplett erwandern übernachten hier. Wir haben das nicht vor. Ein paar Stunden Weg liegen noch vor uns.
Ehrlich gesagt könnte ich hier schon übernachten. Andererseits sei es ja laut Jacko nicht mehr so weit bis Zams im Inntal. Dort ist zwar kein Quartier vorgebucht. Allerdings dürfte in einem der Gasthäuser des Ortes sicherlich etwas zu finden sein.
Die Parseierspitze mit ihren 3036 Metern Höhe und die benachbarten Berge hüllen sich in Wolken.

Um 16.30 Uhr wandern wir weiter. Wir müssen zur Seescharte auf gut 2500 Metern Höhe. Erst von dort geht es durchgehend bergab.
Das ist der Untere Seewisee. Am linken Bildrand ist die Memminger Hütte zu erkennen. Jacko und Michi haben erkennbar Probleme im unwegsamen Gelände. Nur langsam kommen wir voran.
Um 17.30 Uhr haben wir den höchsten Punkt des heutigen Tages, die sogenannte Seescharte erreicht. Sie trennt das Lechtal vom Inntal. Erstaunlicherweise gibt es dort Mobilfunkempfang. Ich rufe kurz zuhause an und melde das Ok.
Das ist der Obere Seewisee. Dahinter sieht man die Memminger Hütte.
Genaugenommen haben wir nicht gleichzeitig die Seescharte erreicht. Ich bin oben, dann kommt nach einer Weile Renate und zum Schluß erscheinen Jacko und Michi. Nun wage ich es doch, daß Thema Fitness anzusprechen. Jacko beschwichtigt mich mit dem Argument, daß es ab jetzt ja nur noch bergab gehen würde und wir das natürlich gemeinsam schaffen werden. Meine Fragen nach dem Zeitaufwand für die Reststrecke werden beschwichtigt. Irgendwie habe ich ein ungutes Gefühl. Eine Landkarte ist auch nicht in meinem Besitz. Ich weis nur, daß es nun um die 1800 Meter bergab gehen soll.
Da geht es hinab. Ich tröste mich mit der Vorstellung vielleicht auch am Abend einen Shuttle Bus in Anspruch nehmen zu können. Damit könnten wir die Zeit bis zum Erreichen von Zams erheblich verkürzen. Tatsächlich geht es nun allerdings auch nicht schneller bergab als bergauf. Sowohl Jacko als auch Michi, der ein Knieproblem hat kommen langsamer voran als Renate und ich.
Ich gehe voraus und bin als erster an der Unteren Lochalm. Es ist mittlerweile 19.30 Uhr. Weil mir bewußt ist, daß die anderen noch eine Weile brauchen bis sie da sind, genehmige ich mir ein Bier und spreche mit dem Wirt. Der erklärt mir, daß anders als auf der Lechtalseite es hier weder einen Fahrweg noch einen Shuttlebus gibt. Der Weg nach Zams führt durch das Zamer Loch, eine enge Schlucht, die auf jeden Fall bei Tageslicht durchwandert werden muß. Das jedoch ist nicht mehr zu schaffen. Die Lochalm hat allerdings auch keine Unterkünfte für Wanderer.
Es ist 20.15 Uhr als die anderen an der Hütte ankommen. Ich dränge zum sofortigen Aufbruch.
Lurchi bemitleidet uns. Er hat ein Versteck für die Nacht gleich in der Nähe. Glücklicher Lurchi!
Das hier sind Schutzhütten für die Inhaber oder Pächter der Jagdrechte.
Da der Weg nun einfacher ist geht es nur unterbrochen von kurzen Trinkpausen weiter bergab.
Wir nähern uns dem Zamer Loch und mir wird bewußt, daß wir nicht bei Tageslicht in Zams ankommen werden. Jacko will mich mit dem Argument beruhigen, daß sein Handy eine Taschenlampenfunktion hat. Das bringt für vier Wanderer meiner Einschätzung nach nicht viel. Ich dränge zur Eile.
Endlich erkenne ich Zams in der Ferne. Es ist kurz nach 21.30 Uhr. Das wird eng werden...
Wir vier einigen uns darauf, daß Renate und ich voraus gehen und Jacko und Michi nachkommen. Die Handylampe würde beide auf dem nun schmalen Weg am steilen Hang entlang helfen.
Tatsächlich erreichen Renate und ich gegen 22.30 Uhr bei völliger Dunkelheit den Ort. Wir warten auf die beiden anderen die einige Zeit später eintreffen. Gemeinsam finden wir in Zams eine Gaststätte mit Fremdenzimmer und können tatsächlich nicht nur freie Betten beziehen, sondern erhalten noch eine warme Suppe. Dazu trinke ich zwei Bier. Renate verzieht sich schnell in ihr Zimmer. Bald schon verschwindet Michi und Jacko meint im Zwiegespräch, daß am nächsten Morgen der Tag schon viel besser ausschaut.
Sowohl Michi als auch Renate haben vor dem Zubettgehen unmißverständlich geäußert, daß die Tour für beide definitiv zu Ende sei. Auch ich bin zu der Überzeugung gekommen. Jacko will mich zwar umstimmen mit dem Vorschlag mit ihm gemeinsam die Wanderung fortzusetzen. Für mich steht jedoch ganz klar fest, daß es keine Fortsetzung gibt. Ich betrachte es als einen glücklichen Zufall, daß niemand von uns zu Schaden gekommen ist.
Ich habe mich auf eine Wanderung mit Bergkameraden eingelassen, deren Fitness ich nicht kannte. Dazu habe ich dem grenzenlosen Optimismus von Jacko vertraut und selbst nicht recherchiert ob der heutige Streckenabschnitt für uns überhaupt machbar ist. Da die allermeisten Wanderer auf der Memminger Hütte übernachten und erst am nächsten Tag über die Seescharte nach Zams wandern und dort erneut übernachten wird dies wohl seinen Grund haben.
Wir haben eine Zweitagesetappe an einem Tag geschafft und noch dazu auf den Shuttle Service mit dem Kleinbus verzichtet. Dazu sind wir viel zu spät in Bach losgegangen. Das sind unverzeihliche Fehler die bei einer derart anstrengenden Bergwanderung nicht passieren dürfen.
Schlafen konnte ich in dieser Nacht so gut wie gar nicht. Renate lies sich erst am folgenden Nachmittag blicken. Am vormittag rief ich zuhause an und bat um Abholung meines Pkw im Lechtal und um unseren Rücktransport durch meine Frau und meine Tochter. So geschah es dann auch. Nur am Rande erwähnen möchte ich, daß meine Familie mir natürlich nicht zu Unrecht gewisse Vorwürfe gemacht hat.
Bis zur Ankunft meiner Familie in Zams sahen Jacko, Michi und ich uns gründlich im Ort um, tranken hier mal einen Cappucciono, schleckten dort ein Eis und sprachen mit einem Jäger, der uns stolz seine am Vortag erlegte Gämse zeigte. Als wir mit ihm ein Bier tranken und erzählten, welche Etappe wir am Vortag gemeistert hatten, meinte er, daß die Wanderer immer verrückter werden und die Berge falsch einschätzen. Da braucht man sich nicht zu wundern, wenn die Bergwacht gut zu tun hat. Bewußt haben wir ihm nicht widersprochen, noch dazu weil er uns ein Bier ausgegeben hat.
Die Gämse habe ich übrigens oberhalb des Zamer Lochs auf einem Baum hängen gesehen. Dies hat der Jäger mir so erklärt, daß er das Tier zwar am Vortag geschossen habe, es jedoch bei Nacht aus Sicherheitsgründen nicht mehr ins Tal tranportieren konnte. Zum Schutz vor Füchsen hängt man üblicherweise erlegtes Wild bis zur Bergung am nächsten Tag in einen Baum. Wieder mal was gelernt...
jürgen